Der Berliner Immobilienmarkt erzählt derzeit zwei völlig unterschiedliche Geschichten. Auf der einen Seite stehen klassische Käufer, die mit steigenden Zinsen, strengeren Bankenanforderungen und begrenztem Eigenkapital kämpfen. Auf der anderen Seite begegnet man immer häufiger einer ganz anderen Käufergruppe – jung, entscheidungsstark und finanziell erstaunlich unabhängig. Nicht selten Mitte zwanzig, ohne Banktermin, ohne Finanzierungsstress. Gekauft wird, was gefällt.


Die Dimension dieser Entwicklung ist enorm. Schätzungen zufolge werden in Deutschland jährlich rund 400 Milliarden Euro vererbt oder verschenkt. Die offiziellen Zahlen erfassen nur einen Teil davon, liegen aber selbst bereits bei über 60 Milliarden Euro jährlich. Das bedeutet: Ein erheblicher Teil der Vermögensübertragungen bleibt statistisch unsichtbar – prägt den Immobilienmarkt aber massiv.


Warum passiert das gerade jetzt? Ein wesentlicher Treiber ist der demografische Wandel. Die Generation der Babyboomer beginnt, Vermögen weiterzugeben – häufig nicht erst im Erbfall, sondern bereits zu Lebzeiten. Gleichzeitig besteht ein großer Teil dieses Vermögens aus Immobilien. In über 50 % der Erbfälle sind Immobilien enthalten. Wer also erbt, erbt häufig genau die Assetklasse, die aktuell besonders knapp und begehrt ist.


Auffällig ist zudem, dass Erben heute jünger sind als noch vor einigen Jahrzehnten. Während Vermögen früher oft erst im höheren Alter übertragen wurde, gewinnen Schenkungen zunehmend an Bedeutung. Kapital wird früher weitergegeben – auch, um steuerliche Freibeträge optimal zu nutzen oder den Kindern frühzeitig Marktzugang zu ermöglichen. Laut Studien rechnen 34 % der zukünftigen Erben mit mindestens 250.000 Euro.


Besonders relevant ist dabei das Verhältnis von Erbschaften zu Einkommen. Während Einkommen in der Regel über Jahre hinweg aufgebaut wird, wirken Erbschaften sofort und in großen Sprüngen. Durchschnittliche Erbschaften liegen bei rund 85.000 Euro, wobei ein erheblicher Anteil auf wenige Haushalte entfällt. Die oberen 10 % profitieren überproportional stark von diesen Vermögensübertragungen.

Für den Immobilienmarkt hat das spürbare Konsequenzen. Kaufentscheidungen lösen sich zunehmend von klassischen Finanzierungslogiken. Während ein Teil der Käufer intensiv mit Banken verhandeln muss, agiert ein anderer Teil völlig unabhängig davon. Geschwindigkeit wird zum entscheidenden Faktor – und Kapital aus der Familie ersetzt die Bank.

Oder anders gesagt: Der Wettbewerb findet nicht mehr nur zwischen Einkommen statt, sondern zwischen Vermögen und Nicht-Vermögen.

Das verschiebt die Marktmechanik fundamental. Käufer ohne familiären Kapitalzugang geraten zunehmend ins Hintertreffen, selbst bei soliden Einkommen. Gleichzeitig entstehen Preisniveaus, die weniger durch reale Kaufkraft im klassischen Sinne bestimmt sind, sondern durch vorhandene Vermögen.Der Berliner Immobilienmarkt ist damit längst mehr als ein Spiegel der Einkommensverhältnisse. Er wird zunehmend zu einem Spiegel der Vermögensverteilung.

Ein Beispiel aus meiner Praxis: Eine Wohnung in Alt-Stralau, direkt an der Spree.

Ein angestellter Architekt, Ende zwanzig, interessiert sich für das Objekt. Solides Einkommen mit erheblichen fünfstelligen Eigenkapital – eigentlich ein klassischer Käufer. Doch die Bank spielt nicht mit, die Finanzierung reicht nicht aus. Was früher oft das Ende der Geschichte gewesen wäre, ist heute nur eine Zwischenetappe. Innerhalb kurzer Zeit wird im familiären Umfeld Kapital organisiert. Das Ergebnis: Der Kaufpreis wird vollständig ohne Bank finanziert.

Ein zweiter Fall, der dieses Muster bestätigt: eine Denkmalvilla in Alt-Marienfelde.

Auch hier steht nicht die Frage im Vordergrund, ob eine Finanzierung möglich ist – sondern ob die Immobilie gefällt. Die Entscheidung fällt schnell, unabhängig von Zinsen oder Kreditstrukturen. Das notwendige Kapital stammt aus dem familiären Umfeld in Süddeutschland, der Kauf erfolgt ohne klassische Bankfinanzierung. Bei einem zusätzlichen Sanierungsaufwand von knapp 800.000 Euro wären viele Banken auch nicht bereit gewesen, das Projekt zu finanzieren.

Und genau darin liegt die eigentliche Dynamik:
Nicht mehr das Gehalt entscheidet darüber, wer kaufen kann – sondern die Frage, ob geerbt wurde.

Was zunächst wie eine zugespitzte Beobachtung aus der Praxis klingt, wird durch Studien zur Vermögensverteilung zunehmend bestätigt. So zeigt etwa das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), dass bereits heute ein erheblicher Teil der Vermögensbildung in Deutschland nicht mehr durch eigenes Einkommen entsteht, sondern durch Erbschaften und Schenkungen. Gleichzeitig konzentrieren sich diese Vermögensübertragungen stark auf die oberen Haushalte, während große Teile der Bevölkerung kaum oder gar nicht profitieren.

Auch die Deutsche Bundesbank kommt in ihrer Vermögensstudie zu einem ähnlichen Ergebnis: Vermögen in Deutschland ist nicht nur ungleich verteilt, sondern wird maßgeblich durch intergenerationale Transfers geprägt. Erbschaften und Schenkungen tragen wesentlich dazu bei, bestehende Vermögensunterschiede zu verfestigen und über Generationen hinweg fortzuschreiben.

Der Erbschaftssteuer Freibetrag hilft vielen ins Eigenheim

Ein zentraler Hebel in diesem Zusammenhang ist auch die steuerliche Behandlung von Erbschaften. Viele Vermögensübertragungen erfolgen bewusst so, dass sie innerhalb der gesetzlichen Freibeträge bleiben. Der Erbschaftssteuer Freibetrag liegt in Deutschland beispielsweise bei 400.000 Euro für Kinder gegenüber ihren Eltern und kann alle zehn Jahre erneut genutzt werden. Gerade bei Immobilienvermögen führt das dazu, dass erhebliche Werte steueroptimiert und oft frühzeitig übertragen werden.

Erbschaftssteuer berechnen – ein Kurzüberblick

Wer die Erbschaftssteuer berechnen möchte, stellt schnell fest, dass nicht nur der Vermögenswert entscheidend ist, sondern auch Faktoren wie Steuerklasse, Freibeträge und mögliche Verschonungsregelungen – insbesondere bei Immobilien oder Betriebsvermögen. Entsprechende Übersichten und Berechnungsgrundlagen stellt unter anderem das Bundesfinanzministerium zur Verfügung.

Die Konsequenzen der Erbschaftssteuer für den Immobilienmarkt

Für die Zukunft des Immobilienmarkts hat das weitreichende Konsequenzen. Wenn Vermögen schneller wächst als Einkommen und zudem ungleich verteilt ist, verschiebt sich der Zugang zu Eigentum strukturell. Immobilien werden dann nicht mehr primär von denen gekauft, die sie sich aus eigener Erwerbstätigkeit leisten können, sondern von denen, die bereits über Vermögen verfügen oder Zugang dazu haben. Das führt zu einer sich selbst verstärkenden Entwicklung: Vermögen ermöglicht Immobilienkäufe – Immobilien erzeugen weiteres Vermögen.

Für den Immobilienmarkt bedeutet das konkret: Er entwickelt sich zunehmend von einem Leistungsmarkt zu einem Vermögensmarkt. Das hat nicht nur ökonomische, sondern auch gesellschaftliche Folgen. Die Frage, wer Eigentum bilden kann, wird damit immer stärker von der familiären Ausgangssituation abhängig.

Die eigentliche Herausforderung liegt daher nicht nur in steigenden Preisen oder knappen Angeboten, sondern in der sich verändernden Struktur des Marktzugangs. Wenn Eigentumserwerb immer weniger über Arbeit und immer mehr über Herkunft bestimmt wird, verändert sich langfristig auch die soziale Durchlässigkeit.

Oder anders gesagt: Der Immobilienmarkt der Zukunft wird weniger durch Einkommen entschieden – sondern durch Vermögen, das bereits vorhanden ist.

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